Denk ich an Freiburg in der Nacht ...

Kultivierte Gedanken von Sergio Schmidt, Sévérine Kpoti, Matthias Cromm, Tom Brane, Yvonne Morick, Tilo Buchholz, Dita Whip, Ronny Pfreundschuh ...


Jonas Klingberg (Reach Another System)
Bei dem ganzen Geheule um Clubsterben und Totentanz fehlt mir …
... das Einbeziehen des Desinteresses des Publikums. An einem regulären Samstagabend kommt es nicht selten vor, dass die Partys aufgrund mangelnder Besucher*innen früher aufhören (müssen).



Da nutzt auch ein Ausweiten der Sperrstunde nichts, wenn an normalen Wochenenden gerade mal eine Handvoll Leute auf den Partys anzutreffen sind - bei denen der Eintritt dann selbstverständlich auch noch unter 5 Euro sein soll. Schaut man sich mal die Clubschließungen der vergangenen Jahre an, lag es meist an wirtschaftlich bedingten Faktoren. Ein lebendiges Nacht- und Kulturleben kann nur dann stattfinden, wenn dies auch genutzt und geschätzt wird.

Tom Brane (Freier Künstler)
Klar, Freiburg ist nicht Berlin, aber es sollte doch machbar sein, dass … 



... sich Freiburg gar nicht erst mit Berlin vergleichen muss. Das Potenzial für eigene Ideen ist durch viele kreative Menschen verschiedener Kulturbereiche gegeben. Freiburg muss keine Kopie sein, sondern sollte sich einfach mal als Vorreiter anerkennen und dadurch neue Konzepte entwickeln. Hierzu sollte die Stadt ebenfalls offen für neue Konzepte sein. Momentan hinkt Freiburg allerdings, wie seit jeher, zehn Jahre hinterher - weil es eben doch einfacher ist erst woanders zu sehen, ob etwas funktioniert und dies dann zu adaptieren.


Dita Whip (Freie Künstlerin)
Online-Spenden, Benefiz-Gigs, Gutscheine und Soli-Merch – das reicht doch längst nicht um die Clubkultur zu retten, da brauch es schon … 



... langfristig angelegte Konzepte und Talking Heads, welche die Branche nicht nur kennen, sondern leben. Das Club- und Kulturleben braucht keine an der Realität vorbeigehenden Vorschläge, sondern praktische und vor allem unbürokratische Lösungen. Wenn wir unsere Subkulturlandschaft erhalten wollen, dann sollten wir uns zudem bewusst werden, dass es nicht nur Betreiber sondern auch Künstler, Techniker und Kreative aller Art treffen wird. In der Subkultur sind wir eine große Gruppe und genau so müssen wir auch agieren. Denn wenn sich auch der letzte Moving Head nicht mehr dreht, haben wir mehr verloren als nur ein bisschen feiern gehen.


Darwin Zulkifli (Kulturaggregat)
Das Tief des Freiburger Nachtlebens liegt doch nicht am Angebot, sondern … 



... meiner Meinung nach an den immer weiter steigenden Mieten. Vor zehn Jahren hat ein Student noch 250 Euro für ein Zimmer gezahlt. Heute sind es zwischen 400 und 600 Euro. Da bleibt nicht mehr viel Geld zum Feiern. Auch die Pacht der Clubs in den Innenstädten wird immer teurer. Ich finde die Forderung der Clubcommission Berlin gut, den Status von Clubs im Baurecht von Vergnügungsstätten in Kulturstätten zu ändern. Dadurch wären sie fester Bestandteil von Stadtbebauungsplänen und würden mehr Milieuschutz genießen. #clubsterbenstoppen


Sergio Schmidt (Jupi-Fraktion)
Klar, Freiburg ist nicht Berlin, aber es sollte doch machbar sein, dass … 



... das Nachtleben einen positiven Stellenwert in der Stadtgesellschaft und Politik erreicht und nicht so Stiefmütterlich behandelt wird. In Mannheim und Berlin wird das Nachtleben als identitätsstiftend für die Stadt wahrgenommen und so auch unterstützt. In Freiburg hat man das Gefühl, das Nachtleben wird als Störquelle und Nebensächlichkeit behandelt. Mehr und mehr bürokratische Hürden, der fanatische Einsatz für Anwohner die in Kneipenvierteln wohnen und Geißelung durch Gaststättenkontrolldienste machen das ohnehin schon schwere Geschäft nicht einfacher.
Wenn auch der letzte Szeneclub dicht gemacht hat und wir im Dorf angekommen sind, fühlt sich keiner mehr als Großstadt. Da kann die Uni noch so toll sein, dann können die Leute auch in Passau studieren.


Luedenscheidt (Bretterbude)
Um überhaupt zukunftsfähig zu werden, sollte das Freiburger Nachtleben … 


Foto: © Sévérine Kpoti Photographie

... viel stärker öffentlich gefördert werden. So lange Clubs und ähnliche Veranstaltungsflächen unter hohen Mietkosten leiden und daran gemessen werden, wie viel Gewinn abgeworfen wird, bleibt die Kultur mutlos, zahnlos und viel zu leise.


Elena La Gatta (Opium Circus)
Mein letztes JA-genau-darum-geht‘s-doch-Feiererlebnis in Freiburg war … 



... meine eigene Veranstaltung „Opium Circus“. Weil bei diesem Event kann man exklusives Entertainment in Form von Dark-, Cabaret-, Freak-, Burlesque- und Drag-Shows, das an sich schon eine seltene Sache für die Freiburger ist, erleben. Ich zwinge meine Gäste dazu, dementsprechend auszusehen. Bedeutet, Dresscode ist ganz wichtig. Ich finde, es ist ganz schwierig die Freiburger vom Dresscode zu überzeugen, aber es bringt ganz viel für die Partyatmosphäre. Das Publikum auf meinen Events ist ganz interessant durchgemischt. Die Party ist crazy, sexy und bizarre. Das nenne ich „JA-genau-darum-geht‘s-doch“-Feiererlebnis.
Ansonsten gab es immer wieder ein paar Konzerte, die ich richtig toll fand. Aber Konzerte gehören nicht immer zu Nachtleben und Feiererlebnissen.


Tilo Buchholz (Popsupport)
Um überhaupt zukunftsfähig zu bleiben / werden, sollte das Freiburger Nachtleben …


Foto: © Peter und Pablo

... endlich die Anerkennung erhalten, die ihr als Bestandteil der Kultur und wichtiger Faktor der Nachtökonomie gebührt.
Das liegt leider nicht nur in der Macht der kommunalen Kräfte – so wird auf Bundesebene gerade über die Umwandlung der Clubs von Vergnügungs- in Kulturstätten debattiert, was viele Vorteile mit sich brächte.
Noch ist nicht in allen Köpfen angekommen, welch wichtiger Standortfaktor das Nachtleben für eine junge Stadt wie Freiburg ist. In meiner Funktion als Popbeauftragter versuche ich, viele kleine aber notwendige Schritte dahin im „Bewusstsein der Stadt“ zu implementieren. Ein dickes Brett, aber das Bohren lohnt sich.

Armin Moessinger (Südstar)
Am meisten am Freiburger Nachtleben nervt mich … 



... der Verlust der Geselligkeit gemeinsam zu feiern, die Bereitschaft an einem schönen Abend mitzuwirken. Stattdessen wird oftmals darauf gewartet, dass alles glitzert und funkelt wie in der virtuellen Bilderwelt. Man gibt einem Abend kaum eine Chance sich zu entwickeln, sondern checkt ungeduldig die nächste, vermeintlich bessere, Alternative ab.
Ganz anders ist dies bei Großevents, wo jeder eine positive Einstellung für diesen Abend hat und feiert bis zum Morgengrauen. Die städtischen Auflagen und hohe Pachten lassen die Umsetzung des Nachtlebens ebenfalls immer schwieriger werden.


Yvonne Morick (Clubkultur e.V.)
Um überhaupt zukunftsfähig zu bleiben / werden, sollte das Freiburger Nachtleben … 



... zwei Aspekte zusammen mit der Stadtverwaltung überdenken. Erstens sollte - wie bereits des Öfteren gefordert - die Sperrstunde abgeschafft werden. Eine Entzerrung würde meiner Ansicht nach die Lärmproblematik und den damit verbundenen Konflikt zwischen den Anwohner*innen und Clubbetreiber*innen entspannen. Auch würde die Abschaffung der Sperrstunde den Club- und Barbetreiber*innen mehr finanzielle Möglichkeiten nach der Corona-Krise bieten. Zweitens ist Freiburg durch schon immer heiße Sommertage geprägt. Clubs und Bars werden im Sommer zunehmend weniger aufgesucht. Die Bühne der IG Subkultur bei „Freiburg stimmt ein!“ hat gezeigt, dass auch Tagesveranstaltung gerne besucht werden. Daher sollten unbedingt Freiflächen gefunden werden, die es ermöglichen die Clubkultur - wie in anderen Städten schon geschehen - auch als Tagesveranstaltungen draußen anzubieten.


Ronny Pfreundschuh (Christopher Street Day Freiburg e.V.)
Lockdown-Learning: Meine Erkenntnis aus kein Rave, kein Konzert, keine Party … 



... ist, dass Feiern ein Grundbedürfnis ist. Zusammen feiern ist eine der ungezwungensten Möglichkeiten, wenn nicht sogar die ungezwungenste, wie Menschen sich begegnen können. Wir bewegen uns freier, Normen und Konventionen die im alltäglichen Leben oder im Job eine Rolle spielen, können beim Feiern überwunden werden. Wir können flirten und knutschen, schwitzen und uns vom bunten Licht verzaubern und von schummrigen Ecken verführen lassen, wir lachen und können einfach hemmungslos und frei sein. Wir treffen Freund*innen und/oder lernen neue Leute kennen.
Es sind diese berauschenden durchtanzten Nächte, die Bässe im Magen, der Weg aus dem Club im Morgengrauen, die sonntägliche Afterhour und auch die Katerstimmung am nächsten Tag. Feiern entspannt und ist ein Ausgleich zum Funktionieren im Alltag. Zusammen feiern ist ein wichtiger Bestandteil für emotionales Wohlbefinden.
Vielleicht wäre es angebracht, dass wir in dieser schwierigen Zeit neben unserer körperlichen Gesundheit, den Fokus auch auf die emotionale Gesundheit richten. Social Distancing und emotionale Isolation machen uns einsam und krank, Internet und TV gaukeln uns ein soziales Leben vor und sind doch nur virtuell, Netflix und YouTube reichen nicht und einen Bass im Bauch kann man sich nicht streamen. Meine Party findet nicht virtuell statt, sondern real. Nachtleben, Festivals, Konzerte und Partys sind systemrelevant. Systemrelevant, weil sie ein Wirtschaftsfaktor sind, aber noch viel systemrelevanter für unsere Psyche und unser emotionales Wohlbefinden. Und das war vor der COVID-19-Krise relevant, das ist gerade relevant, und das wird auch in Zukunft relevant sein.
Feiern ist ein elementarer Bestandteil menschlicher Kultur!


Sévérine Kpoti (Slow Club)
Lockdown-Learning: Meine Erkenntnis aus kein Rave, kein Konzert, keine Party … 


Foto: © Minz & Kunst

... ist, dass die Kulturbranche ein überaus wichtiger und zugleich sehr zerbrechlicher Sektor ist. Es zeigt sich gerade, wie wichtig kulturelles Leben für eine Gesellschaft ist. Als Ritual, als Wirtschaftsfaktor und als unverzichtbares Gut. Nicht erst seit dem Lockdown. Welcher Stellenwert wird nun der Kunst und der (Sozio-)Kultur beigemessen? Und was können wir aus und in der Krise lernen und in Zukunft mitnehmen, um uns eine neue Normalität zu schaffen? Es hat ja nicht einfach mal jemand nur den Pausenknopf gedrückt. Neben finanziellen Rettungsschirmen wünsche ich mir Ideen und Konzepte, damit die Maschinerie wieder anspringen kann um zumindest einen eingeschränkten Kulturbetrieb zu ermöglichen. (Groß-)Veranstaltungen und körperliche Nähe auf der Bühne oder im Zuschauerraum wird es so schnell nicht geben. Doch was es geben muss, sind Orte öffentlichen Nachdenkens und ein Einlassen auf die Kultur. Da darf dann auch gerne mal kreativ und um die Ecke gedacht werden, so wie es viele Kulturschaffende und Künstler*innen aus der Not heraus bereits tun. Der Sommer steht vor der Tür: Wie wäre es denn, öffentliche Räume, Freiflächen, Straßen, Wiesen, Parks, Parkplätze für den Gastronomie-, Club- und Kulturbetrieb umzunutzen? Oder Räume, die bisher von Clubs genutzt wurden, anzumieten oder umzugestalten? Projekte dieser Art sind spannend und bringen eine gewisse Urbanität und Vielfalt an den Start. Und Krisen bergen immer auch Chancen: Vielleicht kann die Freiburger Kulturlandschaft somit auf einen neuen Kurs gebracht werden.


Jenny Sarro (Rap Fatale)
Lockdown-Learning: Meine Erkenntnis aus kein Rave, kein Konzert, keine Party … 



„Erst wenn der letzte Club geschlossen und die letzte Künstlerin abgetreten ist, wirst Du erkennen, dass man geile Atmosphäre nicht streamen kann." - Rosa Luxemburg


Michelle Gänswein (TEDxFreiburg)
Um überhaupt zukunftsfähig zu bleiben/werden, sollte das Freiburger Nachtleben … 



... sich absprechen und zusammenarbeiten. Ich fände es gut, wenn sich die Leiter*innen/Booker*innen aller Veranstaltungsstätten (mindestens die der ähnlichen Gattung) regelmäßig an einen Tisch setzen würden und ihr Programm aufeinander abstimmen, damit nicht zwei Clubs am gleichen Abend einen teuren Techno-Headliner oder zwei Konzert-Venues am gleichen Abend eine Jazz-Band haben. Man sollte ganz Freiburg als kulturelle Spielwiese sehen und nicht jede Veranstaltungsstätte einzeln. So nimmt man sich nicht gegenseitig die Gäste weg, sondern kann gemeinsam ein kulturelles Angebot für die Stadt erstellen, von dem alle was haben. Auch wirtschaftlich.


Matthias Cromm (Hank "The DJ" Strummer)

Nach(t)gedanken



Denk' ich an Freiburg in der Nacht,
Da habe ich gleich laut gelacht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen.
Und meine bitt‘ren Tränen fließen.

Die Jahre kommen und vergehn!
Publikum wird kaum gesehn,
12 Euro für ‘ne gute Band?
Die in Freiburg keiner kennt?

In anderen Städten: Laden voll
In Freiburg läuft es nicht so doll.
Der beste ist ein alter Hut,
Dann geht es meistens grad noch gut.

Das Sehnen und Verlangen wächst.
Die Stadt hat doch die Clubs verhext!
Die Nachbarn und der Spekulant
Arbeiten doch Hand in Hand!

Doch wer nix zahlt für die Musik,
Darf sich nicht wundern, was er kriegt!
Draußen trinken, drinnen sparen
Das soll die Kultur bewahren?

Ja die Kultur - die hat man lieb,
Und in den Briefen, die man schrieb,
Steht HILFE Stadt errette mich,
wir können das nicht ohne dich!

Viele die man nirgends sah,
Jammern dann in großer Schar.
Doch die Nacht bleibt leis‘ und still
Wenn halt keiner zahlen will.

Seid ihr denn so arme Lappen?
Kohle weg für Outdoor-Jacken?
Von Musik darf keiner leben?
So denkt der kleine Bürger eben!

Mit seinen Bergen, seinen Reben
(Jeder würde gern hier leben)
Freiburg! Ein gesunder Ort,
Doch sparen ist ein großer Sport.

Kultur ist doch kein Supermarkt
und auch keine Schnäppchenjagd.
Sie lebt natürlich von Interesse
Doch braucht sie halt auch was zu fresse.

Der Rat berät in großen Runden,
Da ist doch noch Luft nach unten!
Vereine, Zuschuss, Popkamerad
Teuer ist der schwache Rat!

Unkommerziell - Das ist ein Wort!
Das hört man gern an diesem Ort.
Sitzt du gern auf Hörnchens Schoss?
Bist Du denn nicht selber groß?

Das Verständnis fürs System
Ist nicht immer ganz bequem.
Feste feiern wie sie fallen
und den Gürtel weiter schnallen!

Die Keller voll, die Bars geleert,
Das ist doch ein paar Euro wert!
Aus dem Sofa sich erheben,
Die Kultur - die lebt vom Leben!

Alternatives Ende:

Gottlob! durch des Bahnhofs Fenster bricht
Auf Gleis1 das Tageslicht;
Es kommt mein Zug, schön wird der Morgen,
Und lächelt fort die Kleinstadt-Sorgen.

Foto: © Markus Ruf

Thorsten Leucht